Humanisten in Hannover: Geschichte und Gegenwart

1847 gründete sich die erste „Freireligiöse Gemeinde“ in Hannover. Nach dem 2. Weltkrieg streiften die Humanisten das religiöse Etikett ab. Sie vertreten konfessionslose Bürger und gestalten Lebensereignisse wie die Jugendfeier mit ihnen.

Gedenken am 10. Jahrestag des 11. September 2001: Humanisten, Christen und Muslime erinnern gemeinsam. Foto: HdRManchmal wird dem Humanistischen Verband vorgeworfen, er betreibe einen "Kuschelkurs" gegenüber den Religionen. Das lässt dessen Vertreter allerdings relativ kalt, denn schließlich sei der Humanismus für und nicht gegen etwas: für die Werte der Humanität, für die Gedanken der Aufklärung, für gesellschaftliche Verantwortung, die keine religiöse Begründung braucht. Der Humanistische Verband Niedersachsen ist als „freie Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft“ anerkannt. 1970 hat er einen Staatsvertrag mit dem Land geschlossen. Aus diesem Selbstverständnis heraus engagiert sich der Humanistische Verband im Forum der Religionen, Seite an Seite mit den Gläubigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Es sei nicht seine Aufgabe, die Kirchen zu beschädigen oder Gläubige zu verunglimpfen, sondern die Interessen religionsfreier Menschen zu vertreten, sagen seine Vertreter. Dazu gehöre auch, Angebote zu schaffen, die Gemeinschaft, Menschlichkeit und Wärme vermitteln, ganz ähnlich wie dies auch die Religionen tun.

1847 gründete sich die erste „Freireligiöse Gemeinde“ in Hannover. In dieser Tradition ist es durchaus mit einer humanistischen Weltanschauung vereinbar, an einen Gott zu glauben. Doch wollen sich die Freireligiösen kein Bekenntnis vorschreiben lassen. Daher heißt es in einem immer noch viel zitierten Leitspruch: „Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube.“ 1886 lässt sich die erste Jugendweihe in Hannover nachweisen: ein gemeinschaftliches Ritual des Erwachsenwerdens, das seit 1988 „Jugendfeier“ heißt.

"Aktiv für mehr Vernunft": Demonstration von Mitgliedern des Humanistischen Verbandes. Foto: HVNAufgelöst unter den Nationalsozialisten

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden die Verbände gleichgeschaltet. „Zur Abwehr staatsfeindlicher Umtriebe und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist daher die Auflösung ... zum Schutz von Volk und Staat geboten“, heißt es im Erlass des damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring von 1934. Das Vermögen der Gemeinde wurde beschlagnahmt. Doch direkt nach dem Krieg gründete sich die Freireligiöse Gemeinde neu. Das Bestreben, das religiöse Etikett abzustreifen und sich „Freigeistige Gemeinschaft“ zu nennen, unterstützte die britische Militärverwaltung jedoch nicht.

Das Grundstück zwischen Lange Laube und Königsworther Platz, wo der Verband bis heute anzutreffen ist, erhielt er von der Stadt als Entschädigung für die Enteignung durch die Nationalsozialisten, allerdings mit der Auflage, dort irgendeine Form von Jugendförderung zu betreiben. Den damaligen Verantwortlichen erschien ein Studentenwohnheim zeitgemäß. Studierende aus aller Welt nutzen seit 1962 das Haus Humanitas als hochschulnahe Unterkunft.

Eine Alternative zu religiösen Gemeinschaften

Der Staatsvertrag von 1970 stellte den Humanistischen Verband praktisch gleich mit den Kirchen. Er erhielt dadurch das Recht, religionskundlichen Unterricht anzubieten. Als das bekenntnisfreie Fach „Werte und Normen“ an weiterführenden Schulen eingeführt wurde, floss der Anspruch des HVD auf seinen Unterricht dort mit ein. Inzwischen wird das Fach "Werte und Normen" auch an Grundschulen erprobt und soll dort zukünftig ebenfalls flächendeckend als Alternative zum konfessionsgebundenen Religionsunterricht angeboten werden.

Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube, ist bis heute ein Wahlspruch der Humanisten. Bild: Humanistischer VerbandDer Staatsvertrag bringt auch finanzielle Zuschüsse für den Verband mit sich. Sie machten es möglich, eine hauptamtliche Geschäftsstelle zu schaffen und einen Jugendreferenten anzustellen. Der Humanistische Verband Niedersachsen betreibt inzwischen mehrere Kindertagesstätten im Raum Hannover, Braunschweig und Oldenburg. Er bietet Namens- und Jugendfeiern, Trauungen und Trauerfeiern an: Eine Alternative für Menschen, die wichtige Lebensereignisse außerhalb der Religionsgemeinschaften feiern möchten. Einige Familien kommen auf diese Weise immer wieder an entscheidenden Punkten im Leben auf den Verband zurück. Andere nehmen die Möglichkeit des gemeinschaftlichen Austauschs über die Sinnfragen des Lebens wahr. Für sie bieten die Humanisten eine wahre weltanschauliche Gemeinschaft.

Durch eine Presseanfrage sind die Humanisten damals auf das Forum der Religionen aufmerksam geworden. „Eigentlich gehören wir dazu“, waren sie sich mit dem Journalisten einig. Sie möchten als besonnene Stimme und, wenn nötig, auch vermittelnde Stimme wahrgenommen werden. Die Abstimmung der Forumsmitglieder, ob man den Humanistischen Verband aufnehmen wolle, verlief nicht einstimmig, das verschweigen sie nicht. Bei kritischen Nachfragen weisen sie auf eine grundlegende Gemeinsamkeit mit den Religionen hin: Sie bieten einen Ort, ihre grundlegenden Werte und Haltungen zu reflektieren, ihre Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen und der Welt wahrzunehmen und zu bedenken.

Text: Lutz Renken und Sören Rekel-Bludau

Zuletzt geändert: 24.02.2020 - 19:52